
In seinem natürlichen (erwachsenen) Zustand fühlt sich der Geist für alles verantwortlich. Innen und Außen sind nicht voneinander getrennt. Aus diesem Blickwinkel betrachtet gibt es keine unausweichlichen Auswirkungen duch das Umfeld und keine unausweichlichen Auswirkungen durch die Konstitution. Es gibt keine Unbewusstheit. Dies ist das Gegenteil der Grundannahme des Marxismus, dass wir lediglich das Produkt von unseren äußeren Umständen sind.
In Folge gibt es auch keine Trennung zwischen Körper und Geist oder Körper und Seele – ein Paradigma, dass im authentischen Yoga gelebt wird.
Die meisten Religionen und Weltanschauungen gehen von einem Dualismus als Grundlage aus: Der Geist ist hier etwas mystisch-ewiges, das vom Körper betrachtet wird. Yoga beruht hingegen auf der Philosophie des Advaita – es gibt keine Trennung, Alles ist eins.
Um diesen erwachsenen (erwachten) Zustand zu erreichen, durchläuft unser Gehirn unterschiedliche Entwicklungsstufen – vergleichbar mit den Entwicklungsphasen eines Kindes. Zunächst wird eine Basis benötigt, die Schutz und Sicherheit gewährleistet. Ohne diese Basis können wir uns nicht in die Freiheit aufschwingen. Auf der Suche nach dieser Basis begegnen uns Ideologien. Diese üben durch ihre Schlichtheit einen großen Reiz auf uns aus. Warum sollten wir uns anstrengen, wenn es auch einfacher geht?
Alle Ideologien enspringen aus dem gleichen Muster der Rigidität. Es gibt absolute Antworten, strikte Verhaltensregeln und eine durch Praxis und Symbole heraufbeschworene Eigengruppen-Mentalität. Die Ideologie kreiert ein Richtig und Falsch, und formt Gebote, wie wir denken, handeln und mit anderen umgehen sollen. Das alles ist tröstlich, weil es nicht so viel Asntregung benötigt wie eigenes Denken. Im Gegensatz zur Kultur – die Abweichungen und Neuinterpretationen gutheißen kann – wird bei einer Ideologie eine Unterordnung verlangt, Abweichungen werden nicht geduldet.
Im weiteren Verlauf der Entwicklung führt das rigide Denken zu mentalen Beeinträchtigungen. Die Fähigkeit zur Authentizität wird verlernt. Als eine Folge wird beispielsweise die multi-ethnische Gesellschaft abgelehnt. Die vier Merkmale der modernen globalisierten Welt lösen Beklemmungen aus. (engl. VUCA:
- flüchtig (volantile),
- unsicher (uncertrain),
- komplex (complex), und
- mehrdeutig (ambiguous).
Yoga ist interkulturell und multi-ethnisch und führt zu einem Prozess der Selbstermächtigung. Es entspricht dem Zeitgeist und dem (Mega-)Trend der Individualisierung.
Yoga und Meditation kann zu einem Gefühl der Verbundenheit mit sich selbst führen. Dies kann je nach Ausgangslage:
- zu einer weiteren gesellschaftlichen Entfremdung führen oder
- zu einem Ausgangspunkt für Gemeinsinn vertiefendes Engagement werden
Damit letzteres überwiegt, müssen die richtigen Ankerpunkte gesetzt werden.
Stress als Wurzel für rigides Denken
In dem Buch „Das ideologische Gehirn“ (von 2025) der renommierten Neurobiologin Leor Zmigrod sind mehrere Faktoren beschrieben, die zu einem rigiden (= extremistischen) Denken führen können. Diese sind nicht als mechanische Vorgänge zu verstehen, sondern dynamisch.
Wenn mehrere dieser Faktoren auftreten, könnte Yoga zu einer Verstärkung des ideologischen Denkens führen. Wenn hingegen die gegenteiligen Faktoren auftreten, dürfte Yoga für das freie, undogmatische Denken förderlich sein.

- Einer der wichtigsten Faktoren für das ideologische Gehirn ist das Gefühl, kein „Nest“ zu haben bzw. nicht dazu zu gehören. Es ist empirisch belegt, dass soziale Ausgrenzung zu rigidem Denken führt.
- Ein weiterer wichtiger Faktor ist Verlustangst. Die Angst vor existenziellem Verlust oder sozialem Abstieg kann diskriminierendes Verhalten begünstigen.
- Damit verbunden ist dauerhafter Stress. Auch andere stetige Erfahrung von Armut, Ausgrenzung, Missbrauch oder Gewaltandrohung versetzen das Nervensystem in eine permanente Anspannung.
- Wenn die Berufstätigkeit oder der Lebensstil zu chronischem Stress führt, wird das Gehirn rigider und anfälliger für Ideologien.
- Es besteht ein empirischer Nachweis, dass Stress zu extremistischem Denken führen kann. Im Gegenzug kann daraus hergeleitet werden, dass Stress reduzierende Methoden wie Yoga für das freie und undogmatische Denken förderlich sein können.
Primär kann es nicht darum, gehen „Yoga gegen Rechts“ einzusetzen (wie z.B. das Buch des Satirikers Patrik Salmen es ironisiert darstellt). Selbst wenn das funktionieren würde (was es nicht immer tut - wie wir wissen), ist das eigentliche Ziel, den Begriff „Yoga“ mit einem menschenfreundlichen Weltbild zu verknüpfen, damit die richtigen Ankerpunkte gesetzt werden können. Regides Denken kann durch die entsprechenden Werte (Flexibilität, Offenheit etc.) erschwert oder ausgeschlossen werden.






