Das unsichtbare Netzwerk

Von Sangeet Singh.

Organische Kommunikation lässt sich nicht steuern. Durch sie entsteht ein unsichtbares Netzwerk, das manchmal denjenigen, die es bilden, verborgen bleibt. Von außen ist es gar nicht zu erkennen. Es gibt es keine allgemeinen Verabredungen, und doch wirken hier Kräfte zusammen, spüren sich gegenseitig auf subtile Weise und bringen so eine Bewegung zum Wachsen und einen Impuls ins Rollen. Der Prozess des sich bildenden Netzwerkes ist mit allen Höhen und Tiefen verbunden, die für gewöhnlich Gruppen durchlaufen.

Es gibt Zeiten der vollständigen Orientierungs- und Hoffnungslosigkeit und Augenblicke des Aufbruchs und des Übermuts. Wer genau hinschaut, erkennt die feinen Verbindungsstränge des Netzwerks, die keinem rationalen Muster folgen und sich nicht einfassen oder zementieren lassen.
Das Netzwerk weicht vielmehr an den Stellen zurück, wo sich eine zu rigide Vorstellung oder ein zu festgelegtes Ziel etabliert hat. An diesen Stellen bricht dann die Energie ein und sorgt für einen natürlichen Ausgleich, ein natürliches aber beständiges Austarieren, hin zu einem unbekannten Ziel. Dabei ist es vollkommen egal, welche Personen dieses Netzwerk bilden.
Es gibt nicht das eine Netzwerk. Es gibt so viele Netzwerke, wie es Menschen gibt, jeder spinnt sein eigenes Netz, das Schutz und Austausch ermöglicht. Aus diesen Netzen bilden sich Kokons, sich überlagernde Netze, die sich mehr oder weniger verstärken, von einander trennen und an anderer Stelle wieder verbinden. Die Bewegung der Netze folgt einem energetischen Muster, einem subtilen Plan, der das Chaos mit einbezieht und in sich vereinigt. Chaos erzeugt Zerstreuung, es löst vorhandene Muster auf. Zugleich macht es dadurch Platz für neue Zusammenhänge, neue Verbindungsstrukturen und neue stabilere Netze, die hin und wieder alle anderen Netze überlagern können und ihnen ihren Willen aufzwingen, bevor sie sich wieder auflösen müssen.
Allen Netzen liegt ihre Vergänglichkeit zugrunde. Was heute noch trägt, kann morgen schon fortgeweht sein. Das Kollektiv ist so stark wie eh und je, aber es hat nur einen einzigen Anker, einen Kleber, der es zusammenzuhalten vermag: der gemeinsame Wille. Der Wille erschafft die Grundlage, und der Wille löst sie wieder auf. Feste Strukturen werden durch festen Willen ersetzt. Nur wenige haben das erkannt. Opportunismus ist zu einem gängigen Lebensstil geworden. Gut ist, was geht. Wer sich benutzen lässt, wird benutzt. Wer sich wehrt, wird mit einbezogen. Es ist wie der Fluss des monetären Reichtums: Das Geld fließt an den Ort des geringsten Widerstandes, dort wo die Steuern am niedrigsten sind. Wenn das Geld benötigt wird, um die Masse der Menschen stillzuhalten, dann ist das gut so. Wenn die Masse dann still ist, fließt es wieder an andere Orte, wo es sich wundersam vermehrt, um zu einem anderen Zeitpunkt erneut als Tröster zu dienen. Manch ein Finanzjongleur hält sich selber für ausgebufft und wohltätig und glaubt sogar, er selber sei es, der das Geld vermehrt. So leben vielen in ihrem Tagtraum, schieben Millionen oder Milliarden hin und her und denken dabei, sie hätten wirklich etwas bewegt. Denn eines weiß der Finanzier von heute: Wenn er das Geld an einer Stelle bündelt und auf einen Punkt fixiert, ist es möglicherweise bald verschwunden.

Im sozialen Austausch ist der klare Wille und der feste Standpunkt das, was den Menschen erfolgreich macht. Wer sich festlegt, wer verlässlich ist, wer Wurzeln schlägt, hat nicht nur äußerlichen Erfolg, er ist auch glücklich. Er übernimmt Verantwortung. Verantwortung festigt den Charakter und befreit ihn von dem Wunsch nach Anhaftung und Sicherheit. Verantwortung in einer Gruppe zu übernehmen bedeutet, Vereinbarungen zu treffen, die dauerhaften Bestand haben oder aber zumindest über das Flüchtige hinausgehen. Vereinbarungen überdauern das Auf und Ab der unsichtbaren Netzwerke. Sie ersetzen die Loyalität, die als hierarchisches System keine Basis mehr hat und sich immer weiter auflöst. Menschen schließen auf Augenhöhe Vereinbarungen ab, befristet und (sehr selten) unbefristet, an die sie sich halten. Dies ist die Grundlage einer beständigen Struktur, die sich gegenüber allen anderen Strukturen durchzusetzen weiß. Sie wurzelt direkt auf dem Willen der freien Menschen. Nichts auf der Welt ist stärker.

Wir schließen eine Vereinbarung ab, mit uns selber und anderen, und diese Vereinbarung ist eine Entscheidung. An dem Verlauf der kommenden Krisen wird sich diese Vereinbarung bewähren oder auch nicht. Vielleicht muss die Vereinbarung geändert werden. Schwierigkeiten sollten kommuniziert werden. Alle Entscheidungen müssen transparent ablaufen. Das ist das Wesen des Informationszeitalters. Jeder Mensch muss seinen eigenen Wert erkennen. Wenn er sich über andere definiert, wenn er seinen Selbstwert aus der Reaktion von anderen bezieht, kann er schlecht eine Vereinbarung eingehen, die seine eigene innere Festigkeit abverlangt. Deshalb ist das Einlassen auf eine verbindliche Struktur ein heilsamer Prozess für die individuelle Entwicklung.

Wer mit sich selbst im Reinen ist, wird durch das unsichtbare Netzwerk gehalten. In diesem Netzwerk ist es nicht notwendig, auf das eigene Wohl zu achten, und dafür andere zu Übergehen oder Übervorteilen. Das Netzwerk sorgt für diejenigen, die es mittragen von ganz alleine - quasi auf natürlichem Wege. Es gibt keinen Grund, sich Sorgen zu machen. So wie die regelmäßige Yoga-Praxis die eigene Bestimmung zum Vorschein bringt, so verschafft das unsichtbare Netzwerk der Bestimmung einer Gemeinschaft die Geltung, die sie verdient.

Das Yoga Frieden Netzwerk

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Frieden ist nicht selbstverständlich. Was kann das Yoga dazu beitragen, dass diese Welt ein friedlicher Ort wird? Wie kann eine Eskalation des Kampfes der Kulturen verhindert werden? Seit 2014 versucht das Yoga Friedens Netzwerk darauf Antworten zu finden. 

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Textauszug aus: Yoga - Die sanfte Revolution

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Auch wenn die Yoga-Praxis zunächst etwas ist, das nur mit einem selbst zu tun hat, verändert es doch unsere Wahrnehmung – und trägt damit dazu bei, dass sich die Gesellschaft verändert.
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