Innere Reinigungsprozesse in Gruppen

Von Sangeet Singh.

Die Gefahren, denen sie die Welt ausgesetzt sieht, sind nicht abstrakt sondern konkret und Gefühle von Zorn und Angst über diese Situation sind berechtigt. Wie die Schmerzsignale bei jedem kränkelnden Organismus dienen sie einem Zweck: sie warnen die Menschen und sie lösen eine Reaktion und ggf. eine Handlung aus. Sie erzeugen einen Leidensdruck, der stark genug sein muss, um eine Veränderung hervorzurufen.

 

Viele Menschen haben umfangreiche Verhaltensweisen gelernt, um diesem Leiden zu entgehen. Die westliche Kultur lehrt ihren Kindern, dass es eine Trennung zwischen dem Verstand und den Gefühlen gibt. Die Realität kann demnach nur durch den Verstand und Intellekt erfasst werden. Gefühle sind irrational und subjektiv und deshalb nicht vertrauenswürdig. Inzwischen ist bekannt, dass das Realitätsverständnis von der jeweiligen allgemeinen Wahrnehmungsfähigkeit abhängt. Je mehr mit einbezogen wird, desto vollständiger wird das Gesamtbild. Wenn unser Leiden über den Zustand der Welt unterdrückt wird, geht ein Teil der Realität verloren. Bestimmten Meldungen wird z.B. kein Glauben geschenkt. Viele Leben dabei ein Doppelleben. Einerseits geht der Alltag weiter, als sei alles in Ordnung, andererseits herrscht die ganze Zeit das vage Wissen vor, dass unsere Welt vor einem tiefgreifenden Wandel steht.

Als der Wirbelsturm Cathrina die US-Millionenstadt New Orleans verwüstete, wurden die dortigen Menschen urplötzlich mit der realen Welt konfrontiert. In einem Bus, der alte Menschen in Sicherheit bringen sollte, brach ein Feuer aus. Der Bus brannte innerhalb von Sekunden aus, da viele Mitfahrer kleine Sauerstoff-Flaschen bei sich hatten. Die Flaschen dienten der besseren Atmung – sie waren ein Luxus-Gerät. Die Betroffenen begriffen zu spät, dass sie gleichzeitig die perfekte Basis waren, um ihr rettendes Beförderungsmittel in eine Flammenhölle zu verwandeln. Dieser Vorgang ist ein Symbol für die Trennung der heutigen Menschen von ihren Elementaren Ursprung. Dieser Mangel fordert an einem bestimmten Punkt seine Opfer.

Bis eine Möglichkeit gefunden wird, die quälende Realität zu erkennen und zu integrieren, wird die Wahrnehmung von den meisten Betroffenen unterdrückt. Dieser Unterdrückungsmechanismus beraubt vielen die Energie, die zum Handeln und klaren Denken benötigt wird. Der Umgang mit diesen Gefühlen ist vergleichbar mit der Trauerarbeit, bei einem Verlust. Die Trauer um die geliebte Person muss angenommen wird, um erstarrte Energien wieder freizusetzen. Dies hat mit der Bereitschaft zu tun, Schmerz anzunehmen und zu erleiden. Wer nicht leiden will, verliert die Verbindung zur realen Welt. Aus dem daraus folgenden inneren Chaos entsteht der Hass auf andere.

In Gandhis gewaltfreiem Widerstand spielt die Leidens- oder Mitleidensfähigkeit eine wichtige Rolle. Sie wurde von ihm als Mittel eingesetzt, um die Gegner von ihrem Unrecht zu überzeugen. Auf der anderen Seite hilft uns diese Fähigkeit, um uns als Teil der Natur oder Teil der Menschheit zu fühlen, was uns Hoffnung, Sinn und innere Stärke geben kann

Eine Schlüsselfunktion um die Fähigkeit zum bewussten Leiden zu entwickeln ist der Kontakt zwischen Menschen in einer Gruppe. Dies ist der Grund, warum Yoga in Gruppen unterrichtet wird. In einer Gruppe bringt es unmittelbare Entlastung, über die eigenen Gefühle zu sprechen, über Ängste, Zweifel und Hoffnungen. Sinnvoll sind auch gemeinsame nicht-intellektuelle Erfahrungen, wie Singen, Tanzen oder Körperarbeit. Die Auseinandersetzung mit Gefühlen in einer Gruppe gibt traumatisierten Menschen den emotionalen Halt, den sie brauchen, um zu überleben.

Persönliche Konflikte im Kleinen und Kriege im Großen haben dieselbe Ursache: Du fühlst dich mit dir selbst nicht wohl. Daraus ergeben sich zwei Möglichkeiten des Umgangs: Entweder wird dieses Unwohlsein erlitten, oder es wird auf jemand anderen projiziert. Wer innerlich angespannt ist, ist bereit zu kämpfen. Jeder Vorwand genügt. Andere werden bekämpft, weil ständig Müll im Inneren angehäuft wird, der eigentlich rausgeworfen werden müsste. Diesem Müll müssen wir uns stellen, wir müssen ihn in uns verbrennen und dadurch Schritt für Schritt die Müllproduktion beenden. Aber das ist ein längerer Prozess, man braucht Mut um zu warten, man darf sich nicht von der Abkürzung verlocken lassen.

Es ist notwendig zu verstehen, dass jeder, bei all der Empörung gegen die Umstände, die Ursachen der Konflikte in sich trägt. Niemand ist besser als der andere. Das bedeutet nicht, dass keine Handlung möglich wäre. Aber es sollte eine Handlung sein, die nicht neue Ursachen für neue Konflikte schafft. Dies setzt voraus, dass sich Konfliktparteien auf Augenhöhe begegnen und in die jeweils andere Position hinein versetzen können.

Was heute getan werden kann, ist zweierlei: Den Krieg in uns selber beginnt, um die Voraussetzungen zu schaffen, dass er irgendwann außerhalb von uns aufhören kann. Dies bedeutet, die vorhandenen Bewusstseinstechnologien zu nutzen, um den inneren Aufruhr in lebens-fördernde Bahnen zu lenken. Das Leben ist hart, weil Wachstum anstrengend ist und Frustration die Evolution antreibt. Die Anstrengung, der Kampf, der lange Weg, sie geben einem scharfe Konturen, Wachstum, Erfahrung und Reife. Alle müssen durch das Feuer. Durch seinen inneren Konflikt integriert sich der Mensch. Das ist eine Technik des Informations-Zeitalters. Die äußeren politischen Auseinandersetzungen werden für das innere Wachstum genutzt und dadurch in ein anderes weniger verbissenes Licht gerückt.

Zum zweiten müssen die politischen Auseinandersetzungen auf eine Art und Weise geführt werden, dass niemand in seine zerstörerischen Muster zurückfällt. Der Konflikt wird geführt – mit Gewalt oder ohne Gewalt – aber eine Identifikation mit den Konflikten findet nicht mehr statt. Dadurch wird keine Aggressionen mehr auf andere projiziert. Die eigenen Handlungen sind nicht mehr triebhaft, sondern wohlüberlegt und liegen freien Entscheidungen zugrunde.

Die Menschen werden zu Zeugen der Zerstörung, die sie nicht aufhalten können. Sie ertragen das Unausweichliche. Sie fühlen mit. Nur dann haben sie die Kapazität, die Ursachen und Wirkungen der Zerstörung zu durchschauen. Wenn sie später wieder in Aktion treten, dann wissen sie, was sie wirklich bewirken. Sie reagieren nicht mehr auf vorhandene Zustände, sondern handeln bereits in Vorfeld und an den Wurzeln der Probleme.

Siehe auch: Können Kriege verhindert werden?

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