Der Yoga Friedens-Austausch mit Russland

Von Sangeet Singh.

Wie viel Kraft hat eine Gesellschaft, um einen Krieg zu verhindern? Und was kann Kundalini Yoga dazu beitragen?

Diese Fragen haben wir uns gestellt, als wir Anfingen, über einen Deutsch-Russischen Friedensaustausch zwischen Kundalini Yoga Lehrern nachzudenken. Folgendes haben wir inzwischen gemacht: Beim Kundalini Yogafestival in Oberlethe 2015 waren 8 Yogis aus Russland mit dabei. Beim Russischen Yogafestival Ende August waren wir ebenfalls zu 8 anwesend. Jeweils vorher absolvierten wir ein Besuchsprogramm und lernten dabei kennen, wie Yogis in der jeweils anderen Nation leben.

 

Yogi Bhajan wollte den Menschen eine Technologie schenken, die ihnen einen Zugang zu ihnen selber vermittelt – in einer Zeit, in der dieser Zugang gefragter ist als je zuvor. Seine Vision reichte über die Ländergrenzen hinweg und bis weit in die Zukunft. „Ich unterrichte für die Kinder eurer Kinder,“ sagte er in den siebziger Jahren. Und er gründete die 3H Organisation, die sich inzwischen Weltweit als gemeinnützige NGO mit Beratungsstatus bei der UN etabliert hat.

Was also könnte eine bessere Grundlage für ein Friedensprojekt bieten als das Kundalini Yoga von Yogi Bhajan?

Yogi Bhajan fing 1969 an Hippies zu unterrichten, die alle ein mehr oder weniger ausgeprägtes politisches Bewusstsein hatten. Mit Hilfe der yogischen Technologie konnten sie die Veränderungen in sich selber verwirklichen, die sie sich von der Welt erhofften – und damit den eigentlichen Grundstein für Veränderungen legen. Vielen rettete Kundalini Yoga das Leben. Viele andere der Flower Power Generation wurden Opfer ihre eigenen Anspruches. Sie ließen ihr Leben, damit zukünftige Generationen besser leben können.
Heute ist die Kundalini Yoga Szene in Deutschland scheinbar unpolitisch. Es gehen keine aktiven gesellschaftlichen Impulse von ihnen aus. Der Lehrerverein 3HO schafft es nicht, eine Lobbyarbeit zu organisieren, die gewährleistet, dass Kundalini Yoga wie andere Yogaformen auch von den Krankenkassen bezuschusst wird. Politische Basisarbeit wird eher kritisch gesehen. Das Friedensprojekt 2015 musste gegen den aktiven Widerstand aus dem Vereinsvorstand durchgesetzt werden.
Zwar gibt es auf dem Europäischen Yogafestival in Frankreich jedes Jahr einen Friedens-Gebets-Tag. Aber dieser Tag ist reduziert auf Floskeln und Bekundungen, wie wichtig doch allen der Weltfrieden ist. Das offizielle Festivalprogramm vermeidet jeglichen politischen Impuls und gibt dadurch dem Kundalini Yoga 10 Jahre nach Yogi Bhajans Tod eine sich ausbreitende kommerzielle Ausrichtung.

Unser Kundalini Yoga Austauschprojekt ist demgegenüber ein explizit politisches Projekt, dass sich nicht mit allgemeinen Aussagen und Friedensgebeten zufrieden gibt. Wir wollen zum einen wirklich verstehen, wie Meditation und Gebet auf der subtilen Ebene Veränderungen bewirken können. Und wir wollen die selbstermächtigende Kraft dres Kundalini Yogas nutzen, um explizite politische Veränderungen mitzugestalten.

Die Wirkung von Techniken wie Kundalini Yoga auf die Gesellschaft wird meiner Meinung nach stark unterschätzt. Ich habe in den 90ger Jahren, als ich in Berlin lebte, gemerkt, welcher Einfluss von der spirituellen Szene auf die Stadt ausging. Berlin wurde in den letzten 80 Jahren systematisch seiner vitalenergetischen Kräft beraubt. Ohne die vielen Menschen, die täglich Meditieren, würde die Stadt innerhalb kurzer Zeit sozial, kulturell und damit auch wirtschaftlich zusammenbrechen.
Deutschland hat sich in den letzten 25 Jahren in eine offenere selbstbewusste und großzügige Nation gewandelt. Diese Entwicklung ist das Ergebnis der Bewussteinsarbeit der Menschen. Die wirtschaftliche Stabilität ist eine Folge davon, nicht deren Ursache.

Der Kontakt mit den Russen hat unseren eigenen Blick beeinflusst. In Russland gibt es große Probleme, die gemeistert werden müssen. Da macht es Hoffnung, dass Moskau inzwischen als die Europäische Hauptstadt des Yoga gehandelt wird.

Dies ist mein stärkster Eindruck von Moskau: Auf dem Bild sieht man im Hintergrund den roten Platz und den Kreml. Im Vordergrund stehen Blumen, viele Bilder, Briefe. Sie erinnern an den russischen Politiker Boris Nemzow, der an dieser Stelle im Februar 2015 ermordet wurde, erschossen auf offener Straße.
Die Moskauer gedenken den Oppositionspolitiker, der sein Leben für sie gab – inmitten einer aufgeladenen patriotischen Atmosphäre, die der Kriegsvorbereitung zu dienen scheint.
Im Moskau wird das 70ste Jahr nach Kriegende gedacht – der Sieg über Hitler-Deutschland 1945. An jeder Straßenecke weht die russische Fahne. In den Parks gibt es Ausstellungen mit Bildern aus dem Krieg – und den vielen Opfern auf russischer Seite – 55 Millionen Menschen, davon 20 Millionen Zivilisten und 15 Millionen Soldaten. Deutschland, dass den Krieg begonnen hatte, hatte nur halb so viele Menschenopfer zu beklagen.
Bei unserem Besuch in Moskau und auf dem russischen Kundalini Yoga Festival wird uns dieser Aspekt der russisch-deutschen Unterschiedlichkeit begleiten.
In Moskau werden wir mit Geschichte konfrontiert – und mit Politik. Wir erleben eine Gesellschaft mit großen Gegensätzen, eine riesige Stadt mit 9 Millionen Einwohnern, in der die Menschen in heruntergekommenen Wohnblöcken wohnen und mit teuren modernen Autos durch die Stadt rasen. Von unseren russischen Freunden ist niemand in Moskau gemeldet, die Wohnungen werden unter der Hand vermittelt, Clans organisieren den Wohnungsmarkt.
Wer sich mit den herrschenden Clans gut stellt, kann in Moskau viel Geld verdienen. Wer sich gegen sie stellt, für dem Endet das Leben möglicherweise frühzeitig, am Rande einer Straße kurz vor dem Roten Platz.
Wir besuchen das Siegesmuseum und werden mit Kriegs- und Schlachtbildern konfrontiert, die aus unserer deutschen Sicht verstörend sind. Zentrum des Museums ist ein Saal, der siegreiche Russische Soldat als Statur in der Mitte und unter der Decke der 30 Meter hohen Kuppel das Siegeszeichen. Der Sieg Russlands über Deutschland wird gefeiert wie die Auferstehung Christi. Dies prägt die Identität einer ganzen Nation, das Russische als die Verkörperung des Guten, dass über das Böse triumphiert. Und die nächsten Siege warten schon, in der Ukraine, in Syrien, in allen ehemaligen Staaten der Sowjet-Union, in denen Russen leben. Das ist der Krieg als Erlösung von der eigenen Bedeutungslosigkeit.
Unsere Gastgeber sind Kundalini Yogis wie wir, und doch gewöhnliche Russen. Die meisten sind unpolitisch und unkritisch. Von ihnen wird kein Widerstand gegen einen möglichen militärischen Konflikt kommen. Sie werden hinnehmen, was immer auch passiert. Es ist kein Aufbäumen wahrnehmbar.
Unsere deutsche Gruppe bestand nicht aus Polit-Aktivisten, sondern aus ganz gewöhnlichen Yogis. Trotzdem wurde der Unterschied in den Gesprächen klar. Wenn es nötig ist, werden wir eingreifen, vielleicht an Demonstrationen teilnehmen, uns engagieren. Wenn wir gebraucht werden, um gefährliche Tendenzen in der Gesellschaft oder der Regierung zu verhindern, werden wir mit dabei sein. Vielleicht können wir in kleinen Impulsen etwas von dieser Grundhaltung mit nach Russland nehmen – und dort lassen.

Wenn es wirklich zu einem Krieg kommt – und dafür spricht sehr viel – dann wollen wir mit unseren Aktivitäten einen Beitrag geleistet haben, um dagegen zu arbeiten. Vielleicht gibt unser Impuls einen Anstoß – alleine dafür hat sich alle Anstrengung gelohnt.

 

Das Yoga Frieden Netzwerk

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Frieden ist nicht selbstverständlich. Was kann das Yoga dazu beitragen, dass diese Welt ein friedlicher Ort wird? Wie kann eine Eskalation des Kampfes der Kulturen verhindert werden? Seit 2014 versucht das Yoga Friedens Netzwerk darauf Antworten zu finden. 

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