Die besondere Rolle von Yoga in Deutschland

Von Sangeet Singh.

Yogi Bhajan (1929-2004), der das Kundalini Yoga 1969 in den Westen gebracht hat, hatte ein besonderes Verhältnis zu Deutschland. Er ging in die USA, was man aus unterschiedlichen Gründen gut nachvollziehen kann, aber gleich danach galt seine Aufmerksamkeit Deutschland. Wenn er in Europa war, war er meistens in Deutschland zu Gast und hier ist auch die größte Yoga-Gemeinschaft entstanden. Aus seinen Vorträgen geht hervor, dass er eine besondere Rolle gesehen hat, die Deutschland in Zukunft spielen wird.

 

Es gibt einen konkreten Vortrag aus dem Jahre 1995, wo er ganz explizit auf diese Rolle eingeht. Dort sagte er folgendes:

Dies ist, was ich wirklich empfinde:

Ihr hattet zwei Weltkriege, den ersten und den zweiten, mit dem Ziel die Welt zu erobern. Millionen von Menschen wurden getötet. Ihr habt es nicht geschafft.

Jetzt ist die Zeit gekommen, in der ihr die Welt mit Frieden gewinnen könnt.

Zu gewinnen ist in euren Genen angelegt.

Ob ihr es nun mögt oder hasst, eines Tages werdet ihr als Nation wieder erstarken.

Dies ist eure Bestimmung, der ihr nicht entgehen könnt.

Ihr könnt wieder einen Krieg beginnen, oder ihr könnt anfangen, einen Krieg des Friedens zu beginnen um mit einem spirituellen Überfall die Welt vor dem dritten Weltkrieg retten.

Ich sage euch jetzt, das ist die Aufgabe der deutschen Nationen.

Niemand kann das verhindern.

Darum, auch wenn ihr nur eine Handvoll Leute in diesen Raum seid, wenn ihr an euch arbeitet und euch selbst entscheidet für einen Weg hin zum Frieden, hin zur Spiritualität, dann werdet ihr die Welt zum Licht führen, werdet ihr sie zur Erleuchtung hinführen, dahin, wo die Menschen glücklich, in sich ruhend und stabil sein können, und alles, in einem spirituellen Klang, in die Friedensbewegung investiert werden wird.“

Aufgrund des 3. Reiches und der Ereignisse des 2. Weltkrieges – und hier insbesondere der Versuch, die Welt zu dominieren und die europäischen Juden auszurotten – kommt Deutschland heute eine besondere Rolle für die Weltgemeinschaft zu. In Deutschland gibt es keinen Bedarf an einer Vorteilnahme gegenüber anderen Nationen. Vielmehr gibt es ein Bewusstsein über die Gefahr eines überhöhten Nationalgefühls und gegenüber propagandistischer Manipulation und Täuschung. Die Deutschen waren zwischen 1933 und 1945 auf ein Herrschaftssystem hereingefallen, das sich bewusst und skrupellos mystischer Elemente bediente, und damit erfolgreich eine Art Massenhysterie entfachen konnte. Die Tatsache, dass der Krieg durch manipulative Täuschung vorbereitet und letztendlich ermöglicht wurde, ist tief eingegraben in das Bewusstsein der nachfolgenden Generationen. Daraus ergibt sich eine spezifische Haltung zu vielen politischen Fragen bis hin zu einer Entfremdung zur eigenen Herkunft und Kultur. Deutlich wird dies z.B. in der kritischen Haltung vieler Deutscher zu Kriegseinsätzen. Hier kommt eine tief verwurzelte Distanz und Misstrauen jeglicher moralisch gerechtfertigter Gewalt zum Ausdruck. Heilsversprechen haben in Deutschland wenig Chancen.

Als Ausgleich dazu wird alles, was der Ermächtigung des Einzelnen dient, positiv gesehen. Kundalini Yoga ist dabei besonders interessant, da es einer rein rationalen Methodik recht nahe kommt. Losgelöst von jeglicher Ideologie, Religion oder Moral kann Yoga praktiziert werden, um Dinge verändern zu können. Jeder, der Yoga praktiziert, kann der eigenen Praxis eine bestimmte Richtung geben. Die allermeisten werden sich für die Selbstermächtigung entscheiden, die davor bewahrt, irgendwelchen kollektiven Wahnvorstellungen oder von außen kommenden Vorstellungen von Wahr und Falsch zu erliegen. Yoga wird dadurch zu einer Methodik, die dem Charakter eines befreiten Geistes entspricht und diesen noch weiter fördert. Hier ist also eine besondere Korrespondenz des deutschen Traumas und der Technik des Kundalini Yoga erkennbar. Yogi Bhajan sah es möglicherweise als seine Aufgabe an, diese Verbindung zu knüpfen und zu vertiefen.