Gesucht: Eine europäische Identität

Von Sangeet Singh.

Eine europäische Identität – gibt es die? Auf welcher Grundlage könnte diese Identität entstehen?

Europa ist eine geografische Einheit – ein mit Furchen durchzogener Kontinent. Die Unterschiede der Menschen sind vielfältig, aber es gibt auch einige Gemeinsamkeiten. Unabhängig davon war der Motor des EU-Vereinigungsprozesses der wirtschaftliche Vorteil. Für eine dynamische Weltwirtschaft sind offenen Grenzen für Waren und Arbeitskräfte eine wichtige Voraussetzung. Es gibt aber bisher kaum Antworten auf die Frage, wie die einzelnen Personen mit der neu entstehenden pluralistischen Weltordnung umgehen werden.

 

Viele Menschen fühlen sich innerlich leer, weil es nichts mehr gibt, mit dem sie sich identifizieren können. Dadurch werden sie unsicher und angreifbar. Vor diesem Hintergrund ist zu verstehen, wieso „patriotische Europäer“ auf die Idee kommen können, dass in Europa eine islamische Vereinnahmung droht. Statt sich der eigenen Unsicherheit zu stellen, und sich selber für eine neue Sicht- und Handlungsweise zu sensibilisieren, werden Schuldige gesucht. Das ist dann oft das Fremde und das Unbekannte.

Überfremdung“ bedeutet nichts weiter, als dass man sich selber fremd ist. Die Welt ist in ständiger Veränderung. Wer diese Veränderungen ablehnt, wackelt an dem eigenen wirtschaftlichen Fundament. Die vermeintlichen Verteidiger des Abendlandes (Pegida & Co.) kämpfen gegen Islamisten, dabei sind diese eigentlich ihre natürliche Verbündeten. Beide Seiten kämpfen für die Vergangenheit.

In Europa gibt es gemeinsame Werte. Aber es gibt keine gemeinsame Identität. Nationale oder kulturelle Bindungen spielen eine immer kleinere Rolle. Die bisherigen Weltanschauungen sind kraftlos geworden und es gibt nichts, was Sie ersetzen könnte. Und dieses Nichts ist es, was den Menschen Angst macht und einige in die Radikalität treibt.

Den wirtschaftlichen Eliten, den eigentlichen Trägern der Macht, interessiert dieser Hintergrund wenig. Sie benötigen keine Identität. Es stört sie sogar, denn jegliche Identifikation ist etwas irrationales, was die Verhältnisse destabilisieren könnte. Wer Geld hat, benötigt nichts irrationales. Der Wohlstand ersetzt die Angst vor dem Nichts. Er suggeriert eine Form von Stabilität, die Kulturneutral ist und in allen Systemen funktioniert. Es wird nichts weiter benötigt, als stabile Verhältnisse. Das funktioniert aber nur, solange die Menschen eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen erkennen können.

Wer seinen Sinn in einer kulturellen Verbundenheit sucht, muss enttäuscht werden. Die verlorene kulturelle Identität wird nicht zurück kommen. Im Gegenteil. Sie wird sich weiter auflösen. Die Menschen folgen dem, was für sie praktisch ist und was funktioniert. Und dies wird zunehmend global entwickelt, produziert und vermarktet.

Was bleibt ist die Identifizierung mit sich selbst. Mit dem eigenen Geist, mit dem eigenen Körper. Was bleibt, ist der Kontakt zu den natürlichen Ressourcen des Mensch-Seins: Die Verbindung zur Natur und die Bindung an andere Menschen.

Viele Personen aus unserem Kulturkreis gleichen ihren inneren Mangel deshalb mit Yoga und Meditation aus. Europas kulturelle Identität wird inzwischen von fernöstlichen Methoden dominiert, die tatsächlich eine Wesensveränderung bewirken, die zum Zeitgeist passt. Wenn mir keine verbindlichen Werte und Normen zur Verfügung stehen, an denen ich mich orientieren kann, dann suche ich sie besser in mir selber. Eine Verankerung in sich selbst kann einem die Sicherheit geben, die man braucht, um Unsicherheit und Bindungslosigkeit zu überwinden. Techniken wie Kundalini Yoga geben einem die Möglichkeit, unabhängig von den äußeren Umständen mit sich selbst im Reinen zu sein.

Kann dies die neue europäische Identität sein? Eine Gemeinschaft aus freien Individuen, vereint durch pluralistische Grundwerte wie Toleranz und gegenseitiges Verständnis? Verankert in sich selbst und immun gegen Manipulation von Außen?