Krieg und Instinkt

Von Sangeet Singh am .

Am Vorabend des 1. Weltkrieges, im Sommer 1914, diskutierte der russische Mystiker Gurdjeff  mit seinen Schüler Ouspensky die Frage, ob Kriege verhindert werden können (Nachzulesen in: „Auf der Suche nach dem Wunderbaren“).

Auch für die heutige Zeit stellt sich die Frage: Ist der Mechanismus eines Krieges bereits in Gang gesetzt? Kann die Eskalation verhindert werden? Gurdjeff machte seinen Schüler vor 100 Jahren nicht viel Hoffnung. Er ging davon aus, das Konflikte eskalieren wenn die astrologische Konstellation sich entsprechend darstellt. Spannungen zwischen den Planeten bewirken demnach Spannungen in den Menschen. Haben sich die Menschen in den letzten 100 Jahren weiter entwickelt? Sind sie immer noch so stark von den Sternen beeinflusst? Es gibt eine Meditation aus dem Kundalini Yoga um sich vor den Einflüssen der Gestirne zu schützen.

 

Die Sterne können Konflikte auslösen, aber der eigentliche Grund für Krieg hat unmittelbar mit den Bedürfnissen der Menschen zu tun. – oder besser den Bedürfnissen von Männern, denn es sind zumeist Männer, die in einen Krieg ziehen. Ist Krieg unvermeidlich?  Ausgrabungen aus der Zeit vor der Antike, also vor 3000-5000 Jahren widersprechen dieser These. In dieser Zeit wurden Kulturen nachgewiesen, die ohne Waffen zum Kämpfen auskamen. Und: die Art der Begräbnisse deutet darauf hin, dass es zu dieser Zeit eine andere Gesellschaftsform gab, in der Männer und Frauen gleich geachtet waren (Quelle: Die Zivilisation der Göttin, Marija Gimbutas).

Männer und Frauen in strikte stereotypen einzuteilen ist sicherlich nicht Zeitgemäß, aber es lässt sich nicht leugnen, es nicht nur körperliche sondern auch mentale und energetische Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt. Aus der Tradition des Kundalini Yoga wissen wir, dass der menschliche Körper aus zwei Hemisphären besteht, die der Sonne und dem Mond zugeordnet werden können, und die bei Männern und Frauen unterschiedlich gewichtet sind. Die eher männliche Sonnen-Seite ist für Aktionismus zuständig, die weibliche Mondseite für Reflexion und Intuition. Beim Yoga wird angestrebt, beide Seiten miteinander in Einklang zu bringen.

Wenn das männliche überwiegt und die weibliche Seite unterdrückt wird, sind Konflikte und Kriege möglicherweise unausweichlich. Der Kampf um Ressourcen, Einfluss und Macht überwiegt gegenüber Vernunft und Kooperationswillen. Hier gibt es einen engen Zusammenhang zur Ausbeutung der Natur, die ebenfalls die weibliche Schöpfungskraft symbolisiert. Diese weibliche Energie, die im Yoga Shakti- Energie genannt wird, benötigt nichts und niemanden, sie reproduziert sich selber. Sie ist sich selbst genug. Ihre Kraft ist vergleichbar mit der Qualität des Wassers – alles wird neutralisiert, reinigt und erneuert sich von selber. Die männliche Shiva-Energie ist dem Element Feuer zugeordnet. Sie bringt Licht ins Dunkel, aber sie hat auch eine große zerstörerische Kraft. Und sie kann aus sich selbst heraus nichts neues Erschaffen. Also ist Shiva rastlos und auf der Suche nach der anderen Hälfte. Da Shakti aber im Gegenzug nicht auf Shiva angewiesen ist, versucht die männliche Seite die weibliche zu kontrollieren. Frauen wurden geschwächt und unterdrückt, damit sie keine Selbstständigkeit entwickeln und ihre Macht erkennen. Gewalt und Krieg waren dabei oft das Mittel der Wahl. Wo Gewalt herrscht, findet keine Entwicklung statt. Dadurch bleiben alte Herrschaftsstrukturen erhalten. Die Gewalt reduziert die Menschen auf ihre Überlebens-Instinkte: Angriff oder Flucht. Alle Schattierungen menschlichen Verhaltens werden dabei bedeutungslos. Das fehlen von Bindungen und Verwurzelungen führt dann zu einem Strohfeuer. Kämpfer opfern sich. Alle anderen wissen nicht, was sie machen sollen und sind wie gelähmt. Sie werden von äußeren Einflüssen und Kräften – auch von dem Verlauf der Sterne – vor sich her geschoben.

Nur das eigene Beispiel einer mutigen gewaltlosen Handlung oder einer positiven Kooperation kann Menschen dazu bewegen, aus ihrer Abhängigkeit herauszuwachsen. Dazu ist innere Unabhängigkeit notwendig. Wie kann diese erlangt werden?

Gurdjeff hat sich nicht um die Kriegsparteien gekümmert und weiter in Russland unterrichtet. Erst im vorletzten Kriegsjahr beschloss er zu fliehen und führte eine Gruppe von Schülern durch den umkämpften Kaukasus, um dem Chaos in seiner Heimat zu entrinnen. Mit dabei hatte er einen Passierschein, der von beiden Kriegsparteien unterschrieben war, die Rote Armee auf der einen, die Weißen Monarchisten auf der anderen Seite des Schriftstücks. Damit rettet er seinen Leuten das Leben. Auch Yogi Bhajan führte einen Flüchtlingszug durch ein Kriegsgebiet. Im Jahr der indischen Teilung, 1947, rettete er die Bewohner seines Heimatdorfes durch einen langen Marsch, vom späteren Pakistan auf die sichere indische Seite.